Wie ich zum Hobby-Weltenbastler wurde (1)

Die Tätigkeit des Weltenbastelns ist oftmals eine sehr zielgerichtete. Jeder, der eine Science-Fiction-, oder Fantasy-Geschichte realisieren will, der muss sich Gedanken über das Setting, bzw. das Universum machen, in dem sich dies abspielen soll. Denn ohne eine schlüssige und ausgearbeitete Welt, kann eine Geschichte schnell unglaubwürdig werden.

Als sich meine Welt in meinem Kopf festzusetzen begann, hatte ich jedoch keine literarischen oder filmischen Ambitionen, sondern es ging mir erstmal nur um die Visualisierung dieser Welt. Schon vor Beginn dieses Jahrhunderts kam mir die Idee für einen Planeten, der zum großen Teil von Wasser bedeckt ist, und dessen Reiche sich zum Großteil über die Inselwelten ausbreiteten. Dementsprechend zeichnete ich von Hand meine erste Karte, die im Original vermutlich nicht mehr existiert, oder noch auf dem Dachboden meines Elternhauses schlummert. Was ich jedoch habe ist die erste digitale Version dieser Weltkarte, in der ich wenigstens schon mal farbig das Meer vom Land unterschied. So entstand ‚Imzida‘.

imzida_anfang

Die Welt Imzida in ihrem „Embryonalzustand“ vor 2000 erstellt

Von Anfang an wollte ich diese Welt so realistisch wie möglich halten. Ich wich so schon in der ersten Version davon ab ausschließlich kleine Inselwelten auf dem Globus zu verteilen. Denn ich ging davon aus, dass die Voraussetzung für eine an Land lebende Zivilisation, das Vorhandensein von größeren Landmassen voraussetzt. Daher bekam dieser Planet zwei kontinentähnliche Inseln.

Nachdem diese Karte angefertigt war, passierte einige Jahre nichts, bis ich das Illustrationsprogramm Freehand in die Hände bekam. Ich begann die Küstenlinien der eingescannte Bleistiftzeichnung nun etwas genauer und mit mehr realistischen Variationen nachzuzeichnen. Ich veränderte einige Inselpositionen und ergänzte Halbinseln und versuchte die Küstenlinien halbwegs natürlich-fraktal zu gestalten. Zur Hilfe kam mir dafür damals auch ein A5 Wacom Tablett, mit dem es wesentlich einfacher von der Hand ging unregelmäßige Linien zu zeichnen.

Die Basiskarte um 2003

Die Basiskarte um 2003

Um 2003 herum waren die Grundlagen geschaffen und bald darauf lernte ich Illustrator kennen, woraufhin ich die Datei, meinen Unterlagen zufolge, am 26.08.2004 von einer fh-Datei in eine Illustrator-kompatible eps-Datei umwandelte, um fortan die Möglichkeiten dieses Vektorprogramms zu ergründen.

Man kann sagen, dass mir dieses Projekt mehr über Illustrator beigebracht hat, als die Aufträge in meiner Ausbildung und meinem bisherigen Arbeitsleben, wo ich durch dieses Wissen jedoch auch durchaus davon profitiert habe. Ich lernte Symbolbibliotheken und selbst angelegte Grafikstile zu benutzen und mit Schnittmasken zu arbeiten.

Aber um eine realistische Karte zu zeichnen bedarf es noch viel mehr, als die technische Umsetzung. Ich simulierte die Farbgebung von typischen Atlaskarten für Höhen und Tiefen und ich informierte mich über Kontinentalplattenverschiebung und Subduktionszonen, damit die Inseln und Gebirge wenigstens in etwa einen Sinn ergaben, da wo sie sich befanden. Um 2005 herum sah die Karte dann so aus:

Imzida_Geologie

Geologische Karte

Eine der hilfreichsten Funktionen in Illustrator war zudem das relativ einfach gehaltene 3D-Werkzeug, mit dem ich die Karte auch mal auf eine Kugel packen konnte und ich zum ersten Mal ein Gefühl für die Lage und Verzerrungen in der Karte bekam. Also begann ich mich auch noch ein wenig in die Welt der Kartenprojektion einzulesen. So wie ich die Karte zuerst angelegt hatte entsprach die Darstellung wohl am ehesten der Mercator-Projektion (siehe Basiskarte). Ich verzerrte später noch die an den Polen gelegenen Inseln, damit diese auf einer Kugel nicht ganz so verloren aussahen.

Imzida-Robinson_Projektion

Robinson-Projektion noch ohne Polaranpassung

Es vergingen weitere Jahre, in denen ich eher selten an der Karte arbeitete, aber in meinem Kopf wuchsen inhaltliche Ideen heran. Mittlerweile hatte ich festgelegt, dass dieser Planet von einer Humanoid-amphibischen Lebensform bevölkert sein sollte, die auf eine lange (ca. 10.000 Jahre) schriftlich festgehaltene Geschichte zurückblicken konnten. Mir kamen die ersten Vorstellungen von Zeitrechnung, Mythologien, Historie und politischen Systemen in den Sinn, die ich aber immer nur sporadisch und in Stichworten sammelte, denn in erster Linie war ich nur bestrebt, diese Karte auszuarbeiten.

Um aber die Karte etwas lebendiger zu gestalten, begann ich auf dem östlichen Kontinent ‚Napatak‘, Länder und Städte festzulegen und diesen Namen zu geben. Ich versuchte typische Fantasynamen weitestgehend zu vermeiden (also z.B. kein inflationärer Einsatz von ´`‘ in den Namen) und benutzte für das Gefühl von regionalen sprachlichen Eigenarten einen Namensgenerator, bei dem man die Variablen, wie Groß-/Kleinschreibung, Vokal- und Konsonantabfolgen etc. selber definieren konnte. Vom Schriftbild her orientierte ich mich an den typischen Karten in Atlanten und benutzte die Garamond als klassische Serifenschrift, je nach Gewichtung in gemischter Schreibweise oder Kapitälchen in verschiedenen Punktgrößen, entsprechend der Hierarchie (Kontinent → Insel → Land → Hauptstädte → untergeordnete Verwaltungseinheiten).

Napatak

Namensgebung, Städte, Infrastruktur jetziger Stand

Da ich einen Top-Down-Ansatz beim Weltenbasteln verfolge, also vom großen generellen hin zum Detail wird dieses Hobby natürlich immer umfangreicher. Da sich aber nur selten Zeit findet, ist der Komplettierungsgrad der Karte – nach gut 15 Jahren – maximal 20%. Vorausgesetzt ich gehe nicht noch weiter ins Detail, was den Prozentsatz natürlich noch verringern würde.

Zwischendurch entdeckte ich auch ein kleines Programm namens Fractal Terrains von ProFantasy Software, das speziell für Weltenbastler (z.B. für Rollenspielleiter) entwickelt wurde. Dieses Programm war eigentlich so ausgelegt eine Welt zufällig (bzw. nach einstellbaren Parametern) zu generieren und entsprechend auch Informationen über Klimazonen, Vegetation und Niederschlag auszugeben. Das war natürlich höchst interessant für mich, da ich bisher in dieser Richtung noch nichts entwickelt hatte.

Es war etwas fummelig, das Programm dazu zu bringen meine Weltkartenvorlage zu akzeptieren, doch nachdem ich ein Graustufen-Bitmap der Höhenkarte angelegt hatte und ich die Parameter für den Meeresspiegel und ein moderates Klima eingestellt hatte kamen ganz brauchbare Karten dabei heraus:

Imzida_Niederschlag

Der Niederschlag: Über den Ozeanen brauen sich immer wieder schwere Unwetter zusammen.

Imzida_Temperatur

Die Temperaturkarte: Alles innerhalb der violetten Streifen scheint von gemäßigtem Klima bis tropisch alles zu enthalten.

Imzida_Vegetation

Die Vegetationskarte: Sattes Grün entspricht Laubwäldern, das hellere der immergrünen Zone und die türkisen Küstenränder scheinen Regenwald zu sein. Nur vereinzelt gelbe Wüsten.

Anhand der Vorlagen, die ich bis jetzt gesammelt habe, sind nun auch nicht nur Darstellungen im illustrativen Stil möglich. Auch unter Zuhilfenahme von Photoshop lassen sich jetzt relativ realistisch anmutende Darstellungen machen.

Weltkarte_Satellit

Satellitenaufnahme

Orbit01

Sonnenaufgang über Napatak

Weltkarte_Satellit_Orbit

Anflug auf Imzida

Die Idee dieser Welt hat sich somit schon ganz schön weiter entwickelt, auch wenn noch viel fehlt und da ich auch nicht immer nur an dieser Karte basteln, sondern auch mal was tiefer gehen wollte, begann ich mich mit einer einzelnen Stadt auf diesem Planeten zu befassen; einer Hauptstadt zentral im Kontinent Napatak an einem Binnenmeer gelegen und gut geeignet die Geschichte an ihr abzubilden: Napa’reï (okay, hab mich doch mal zu einem Apostroph hinreißen lassen, jedoch ist das nur Regionaldialekt). Aber das ist was für den zweiten Teil.

Naparei

Wer sich weitergehend für das Weltenbasteln interessiert findet an folgenden Stellen Information und Inspiration:

Die Weltenbastler – zumindest das Forum ist noch ganz lebendig

Weltenbau Wissen – recht frisch, erst einige Wochen da, aber schon sehr ausführlich

ProFantasy Software – Für alle, die gerade keinen Zugang zu Adobe Programmen haben, um ihre Ideen grafisch umzusetzen

Worldbuilding – Taking escapism to the next Level – Der reddit-Thread zum Thema

 

10 Gedanken zu “Wie ich zum Hobby-Weltenbastler wurde (1)

  1. Das bisherige Ergebnis ist recht beeindruckend! Bei der Idee einer Inselwelt musste ich gleich an Ursula K. LeGuins „Erdsee“ denken. Welche Ressourcen hast du konsultiert, als du dich über Subduktionszonen und Kontinentalplatten informiert hast? Arbeitest du noch gelegentlich mit Fractal Terrains?

    • Vielen Dank! Ich hab mich halt generell über Tektonik informiert (Lexika/Atlanten). Ich glaub‘, da gab es noch nicht mal Wikipedia. 😀
      Zu Fractal Terrains: Beim Schreiben dieses Artikels hab ich erst mal geschaut, ob ich das überhaupt noch habe und konnte es auf diesem Rechner zumindest nicht mehr finden. Ich habe es damals nur dafür benutzt.

  2. Pingback: Auch eine Art des Weltenbastelns – Papas Modellbahnlandschaft | Logbuch Labelizer

  3. Pingback: Wie ich zum Hobby-Weltenbastler wurde (2) | Logbuch Labelizer

  4. Pingback: Das Kreuz mit der Karte

  5. Hallo,

    sehr tolle Artikel, viel von dem was Sie auf ihrer Seite geschrieben haben, hat mir schon geholfen. Gerade Ihre Arbeit mit der Karte hat mich stark inspiriert, wirklich klasse Ergebnisse!

    Ich habe mir inzwischen einmal die Demoversion von Fractal Terrains 3 heruntergeladen und damit scheint wirklich verdammt einiges möglich zu sein. Ich bekomme es allerdings nicht hin, meine eigene Welt zu importieren. Gibt es vielleicht die Möglichkeit das Sie diesen Vorgang noch einmal näher ausführen?

    Hoffnungsvoll,

    Paradoxon

    • Hallo Paradoxon,
      wie ich früher schon mal schrieb, habe ich das Programm leider nicht mehr in Anwendung und könnte auf die schnelle nicht mehr nachvollziehen, wie genau man da was importiert. Soweit ich mich erinnere habe ich eine bmp oder tif-Datei in Graustufen benutzt und es gab eine Importoption im Programm. So richtig benutzerfreundlich habe ich Fractal Terrains auch nicht in Erinnerung. Es war zumindest keine Standardoption das so zu machen.

  6. Pingback: Wochen-End-Geplauder – [1552] | Der unfertige Roman

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