Wessen WhatsApp-Hysterie?

Vieles war heute zu lesen über den Verkauf von WhatsApp an facebook, die die irritierend obzsöne Summe von 19 Mrd. Dollar dafür in die Hand nahmen. Offensichtlich handelt es sich um einen Panikkauf, weil facebook an Relevanz verliert und unbedingt einen Fuß auf dem Instant-Messengermarkt behalten will, wie Michael Seeman alias mspro in seinem Artikel schlüssig analysierte.

Was ich aber am heutigen Tage nicht so im Raum stehen lassen kann, ist die Art, wie die technikaffine Minderheit (und das ist sie) aus ihrer Filterbubble mal wieder in einer etwas herablassenden Art über die Mehrheit urteilt.

Erst hieß es, spätestens seit Edward Snowden, wie wichtig es ist nun auch bei Menschen, die sich sonst nie um Datensicherheit und Privatsphäreneinstellungen gekümmert haben, ein Bewusstsein zu schaffen, so dass diese doch bitteschön nicht mehr die bösen und anfälligen Apps wie WhatsApp benutzen. Da solche Apps aber schon eine Menge von den Leuten verwendeten, die man so kennt, war es schwer mal eben umzusatteln, auch wenn andere Instant-Messenger evtl. sicherer sind.

Kaum einem ist es entgangen, dass WhatsApp in Sachen Sicherheit nicht das Gelbe vom Ei war, aber wen interessiert es schon, ob die NSA die getauschten Katzen- oder wahlweise Penisbilder irgendwo in Utah speichert?

Was heute, ausgelöst durch die Nachricht des Megadeals, passiert ist hatte nur bedingt mit einem verstärkt irrationalen Verhalten auf Seiten der User zu tun, wie oben genannter Michael Seeman in einem Tweet vom frühen Morgen vermutete.

 

 

Die Nachricht war eher eine Initialzündung, die ganz normale Menschen dazu veranlasst hat, sich auf eine mögliche Weise gegen etwas zur Wehr zu setzen, dass nicht wirklich beeinflussbar schien. Die Zusammenlegung von WhatsApp und facebook, wie auch immer diese ‚Fusion‘ ausgehen wird, war anscheinend für viele ein gefühlter Eingriff in ihre Entscheidungsfreiheit der Wahl ihrer Kommunikationsmittel. Möglicherweise haben die meisten intuitiv begriffen, dass facebook nicht in ihrem Sinne agiert, sondern im Abstiegskampf mit Geld um sich schmeißt, um beim großen Datamining-Geschäft am Ball zu bleiben, und dass sie als User nur als Ware behandelt werden.

Die sehr menschliche (passiv-aggressive) Reaktion, die daraus folgte war, dass Leute, die sich vorher noch nicht die Mühe gemacht hatten nach Alternativen zu WhatsApp Ausschau zu halten anfingen, sich über die Vor- und Nachteile von anderen Messengern wie Threema, Telegram, oder auch generell über GPG Verschlüsselung etc. auszutauschen und sich zu informieren. Denn nach mehr als einem halben Jahr der kontinuierlichen Berichterstattung über die Schreckensszenarien der NSA durch die Privatsphären-Apologeten, scheint es auch bei der Mehrheit angekommen zu sein, dass, wenn man schon wechselt, dann wenigstens zu einem verschlüsselten System.

Aber anstatt sich zu freuen, dass es endlich einen Anlass gibt, der Menschen dazu bringt  für mehr Datensicherheit zu sorgen und somit den Geheimdiensten das Leben ein bisschen schwerer zu machen, das Ganze als rein ‚irrational und diffus gefühlsbestimmt‘ zu bewerten, empfinde ich als unfair und lässt mich fragen, was die Technikaffinen in ihrem Elfenbeinturm denn nun eigentlich wollen?

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