Warum das neue SimCity tragisch ist

Those were the days…

SimCity hat mich seit meiner Kindheit begleitet. Ich baute pixelige Quadrate auf grauem Grund auf dem C64, und schaute zu wie darauf kleinere schwarze Quadrate wuchsen. Ich baute meine isometrischen Großstädte mit SimCity 2000 auf dem Amiga und auf meinem ersten PC ging es weiter mit SimCity 3000 dessen toller Soundtrack das städtische Lebensgefühl unterstrich und welches grafisch auch schon sehr ansprechend ausgestaltet war. Dann kam Anfang des Jahrtausends SimCity 4 und das Verkehrs-Add-on Rush-Hour und begeisterte mich als bereits erwachsene Person weiterhin. Ich mochte die vielfältigen Möglichkeiten dieser Version, die komplexen Zusammenhänge, die diversen Faktoren, die eine Stadt erfolgreich machten oder eben nicht. Für geübte Spieler war es auch hier durchaus möglich ohne Cheats Erfolg zu haben, aber mit Cheats war es wesentlich einfacher und man konnte seine eigenen Traumstädte schneller verwirklichen.

Leider war es so, dass SimCity 4 auf allen Windowssystemen nach XP (zumindest bei mir) nicht mehr sauber lief. Hinzu kamen die unendlich vielen exzellenten Mods, die man aus der Fancommunity (z.B. von Simtropolis) bekommen konnte, die bestimmt auch ihren Teil zur Unspielbarkeit beigetragen haben. Diese vielen neuen Gebäude, Verkehrssysteme und sonstigen technischen Verbesserungen an dem Spiel von Fans für Fans, hielt mein Interesse für SimCity 4 wach und ich spielte es mindestens über einen Zeitraum von sieben Jahren. Aber letzlich aufgrund der Performanceprobleme und dass man ja auch noch ein anderes Leben hat, entfernte ich mich von dem Spiel.

Der andere Simulator

Ich probierte aber auch das Konkurrenzprodukt CitiesXL aus, welches grafisch neue Wege ging und man sich endlich in einer dreidimensionalen Umgebung frei bewegen konnte, was das Spielerlebnis im Ganzen viel interessanter machte. Das Problem bei CitiesXL, war weniger das Spiel, als die dahinter stehende Firma Monte Cristo, die dieses Spiel als Multiplayer-Online Spiel vermarktete, Konkurs ging und nach drei Monaten schon die Server ausschaltete, für deren Zugang man unter Umständen Geld bezahlt hatte. Ansonsten hakte es hier auch am Online-Wirtschaftssystem und die vielen fehlenden Features, die bei SimCity 4 Standard waren, wurden auch von den nachfolgenden Produzenten bis heute nicht berücksichtigt.

Dabei ging man bei CitiesXL schon neue Wege, da man von Anfang an die Fans von Städtebausimulationen mit eingebunden hatte. Jeder sollte in den extra dafür eingerichteten Foren Vorschläge einbringen, was im Spiel enthalten sein soll. Die Resonanz war riesig, die Vorschläge kreativ und vielseitig, die Umsetzung in den Augen vieler Spieler eher ernüchternd.

Eine neue Hoffnung

In diese Situation kam dann letztes Jahr im März die Meldung von Electronic Arts, dass es ein neues SimCity geben wird; nicht SimCity 5, einfach nur SimCity.

Wow! Das war erstmal ein Überraschung und schon flammte bei mir, wie bei so vielen alten Hardcorefans die Hoffnung auf, dass es vielleicht nach dem Desaster mit CitiesXL doch noch eine Städtebausimulation geben könnte, die in bester Tradition SimCity weiterführen könnte. Um es kurz zu sagen, was man sich gewünscht hätte, wäre SimCity 4 mit der Grafik von CitiesXL 2012. Auch diesmal überschlugen sich die Fans mit Vorschlägen für diese neue SimCity-Version in den einschlägigen Foren und es schien, als wären die Produzenten am anderen Ende durchaus interessiert ein Spiel für die Spieler zu machen.

Ignoranz und Marketing

Doch schon wenige Tage nach der Ankündigung des neuen SimCity gab es Berichte, dass man das Spiel nur spielen kann, wenn man Online ist, schlimmer noch, dass es sich um ein Spiel handelt, dass man zwar alleine spielen kann, aber es explizit auf einen Mehrspielermodus ausgelegt ist, sowie dass Speicherstände auch nur online abgelegt werden können. Also im Grunde dasselbe wie bei CitiesXL, wo dieses Zusammenspiel auch nicht funktionierte. Man hatte es also nicht mehr mit einem Spiel zu tun, wo man machen konnte, was man wollte, sondern auf Kooperation mit anderen Spielern angewiesen ist, zumindest, wenn man Großprojekte wie Flughäfen errichten wollte. Gegen einen Multiplayermodus als Option hätte wohl niemand etwas gesagt, Maxis erzwang hier aber eine Spielvorgabe mit der Begründung, Städte würden nicht in Blasen exisitieren. Die Gesamte schwache Rechtfertigung hier.

Ich muss sagen, dass ich immer sehr gut damit zurecht gekommen bin SimCity alleine zu spielen, weil es so gedacht ist. Das wäre genauso, als ob man eine Modelleisenbahnanlage mit einem unvollständigen Schienennetz kauft, dieses aber nur funktionieren kann, wenn man die Nachbarn mit ihren Modelleisanbahnplatten dazu holt und diese dann auch noch auf der eigenen Platte bestimmen dürfen, was gebaut wird. SimCity sowie Eisenbahnanlagen sind etwas für einen alleine; da macht man alles so, wie es einem gefällt. Diese Städte leben in einer Blase und das ist auch gut so und das muss nicht geändert werden!

Der einzige logische Grund, warum man gezwungen wird dieses Spiel online zu spielen, ist es, Daten über die Spieler zu sammeln und über einen Onlineshop notwendige Items gegen Aufpreis zur Verfügung zu stellen. Somit wird das Spiel nicht wie Anfangs gedacht ’nur‘ 60 € kosten (was an Dreistigkeit schon nicht zu überbieten ist), sondern immer teurer.

Ein weiterer Aspekt, der die Gemüter erhitzte ist die völlig unzureichenden Größe der bebaubaren Fläche, sowie die Tatsache, dass die einzelnen zwergenhaften Stadtflächen nicht einmal aneinander angrenzen, sondern noch durch nicht nutzbare Gebiete getrennt werden, in denen Autobahnverbindungen – auch ohne Einfluss durch den Spieler – vorgegeben worden sind.

Der Aufschrei war von Anfang an riesig, niemand hatte damit gerechnet, dass EA/Maxis dieselben Fehler noch einmal machen würde, nachdem man gesehen hatte, was CitiesXL zugestoßen war und darüber hinaus auch nicht auf die Verbesserungsvorschläge der Community einging, sondern ein Gameplay forcierte, welches den Spieler in seinen Möglichkeiten einschränkt und ihn durch das digitale Rechtemanagement obendrein noch gängelt.

Zugegeben die Glassbox-Engine hinter dem Spielekonzept, die das Spiel steuert ist wunderbar und es wird behauptet, dass gerade aufgrund dieses komplexen Agenten-Systems die Größe der Spielflächen (vorerst) eingeschränkt sei. Was natürlich völliger Blödsinn ist. Wenn man das Spiel auf seinem eigenen Rechner spielen könnte und nicht die Hälfte der Informationen auf externe Server auslagern müsste, wäre es wohl kein Problem auch große Städte zu bauen.

Meiner Meinung nach war das doch immer das Ziel von SimCity Städte so groß zu bauen, wie man wollte. Ich hatte in SimCity 4 teilweise Megacities, die sich über drei bis vier große Karten erstreckten. Aber auch das will EA/Maxis uns nicht zugestehen.

Zu einem unreflektierten und unkritischen Werbeartikel anlässlich des bevorstehenden Erscheinens von SimCity auf SpiegelOnline schrieb gestern ein Kommentator die passenden Worte:

Von der Casualisierung wollen wir gar nicht erst anfangen – das ist keine Städtebausimulation mehr, es ist ein Farmville mit Häusern, für die derzeit hofierte „schnell 5 Minuten was spielen“-Generation mit ihren iPhones auf Ritalin.

 

No buy

Es gibt schlussendlich für mich keinen Grund, mir diese Version von SimCity zu kaufen, wobei das Verb ‚kaufen‘ ja auch nicht stimmt. Ich erwerbe maximal nur die Lizenz EA-Server zu nutzen von Gottes Gnaden. Sollten diese mal ausfallen wäre es das mit dem Spielspaß gewesen und man hat unnötig viel Geld im digitalen Orkus versenkt. Neben all den nervigen Punkten, die ich aufgeführt habe, sind es aber noch viel tiefer liegende Dinge, die mir dieses neue SimCity vermiesen. Eigentlich sollte man ja davon ausgehen, dass eine neue Version eines guten Spiels mindestens genau so gut ist, wie sein Vorgänger, nur mit besseren Features und neuen Ideen. Dies ist hier aber nicht der Fall. Es gibt einfach Dinge, die ich eben nicht mehr machen kann, die durch ein neues Spielsystem oder 3D-Grafik nicht aufgewogen werden. Beispiel: Ich hatte Städte mit historischen Stadtkernen, gewachsene Strukturen, denen man sowas wie simulierte Geschichte ansah. Man konnte die Entwicklung von einem Stadtkern aus nachvollziehen, konnte sehen, wo Kompromisse zugunsten von Verkehrswegen vorgenommen worden waren, alles wirkte organisch. Das jetzige SimCity kommt daher, wie die Clownsausgabe von Dubai – bunt und aufgeregt und ohne jeglichen Anspruch an Stadtplanung. Da bringen auch kurvige Straßen keinen Vorteil mehr.

Cities XL 2012 gemoddet ist das bessere neue Simcity

Doch während hier mal wieder ein Spieletitel zugunsten des schnellen Profits vor die Wand gefahren wird, schaue ich rüber zu XLnation. Nach dem CitiesXL-Zusammenbruch und dem Ende seines Online-Daseins formierten sich schnell findige Menschen, die anfingen dieses Spiel zu modden und nach ihren Wünschen anzupassen. Mittlerweile gibt es auch hier (wie für SimCity 4) ungeheuer viel Content, der von Spielern für Spielern erstellt wird. Dadurch wird das Spiel zunehmend interessanter.

Es bleibt zu sagen, dass die Zukunft wohl nicht in den vorgegebenen Spielen der großen Labels liegt, sondern eher in dem, was die Fanbase daraus macht. Wer weiß; eventuell wird ja nach dem Flop dieses neuen SimCity auch das Regiment durch die Spieler übernommen, der Sourcecode freigegeben und dann das Spiel daraus gemacht, was man sich eigentlich gewünscht hat. Bis dahin habe ich auf jeden Fall noch anderes zu tun.

Update

08.03.2013

Natürlich ist das Spiel am zweiten Tag nach Release nicht spielbar, weil die Server völlig überlastet sind. Hätte man ja aufgrund der Vorbestellungen nicht ausrechnen können, wieviel Kapazität man braucht.

Anbei auch das Spielereview von der Game-Plattform Destructoid: The splines aren’t reticulating. Der Autor Joshua Derocher beleuchtet noch einmal die guten, wie die unzulänglichen Seiten des Spiels, unter anderem auch, warum es eher kontraproduktiv sein kann mit anderen online in einer Region zu spielen.

Bei Polygon wurde das Spiel in der Wertung von 9,5 von 10 vor Veröffentlichung auf 4 von 10 aufgrund der Serverprobleme nach Veröffentlichung heruntergestuft.

 

Ein Gedanke zu „Warum das neue SimCity tragisch ist

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