Über eine Petition die verlangt Homöopathie als ‚Süßwaren‘ zu deklarieren und über das Arzneimittelrecht

Titelgrafik der Petition

Titelgrafik der Petition

Ich hatte schon angesetzt für meine Vertretungszeit hier einen echauffierten Beitrag über diese hirnlosen Petitionen (a la „Monsanto will mit Chemtrails die Welt vergiften, damit nur noch deren Saatgut wächst„) zu schreiben, die Anfang des Jahres bei Facebook von ansonsten recht intelligenten Menschen wild herumgeteilt wurden. Aber wen kümmert schon der Quatsch vom Februar, richtig?

Diese aktuell laufende Petition mag nicht ganz ernst gemeint sein, aber faktisch ist sie dennoch korrekt und es wird argumentiert, dass Homöopathische ‚Globuli‘ wegen des Gehaltes an Zucker (oder Xylit) und des Nichtvorhandenseins medizinisch aktiver Wirkstoffe ins Süßwarenregal gehören, wo die Nährwerte (kcal zum Beispiel) angegeben werden müssen. Es wird auf die Gefahren von Karies und Adipositas hingewiesen.

Was zunächst albern und ein bisschen polemisch wirken mag, weist indirekt aber auf Probleme im Arzneimittelgesetz hin:

Dort ist die Homöopathie immer noch ausdrücklich als Arzneimittel erwähnt.  Die Apothekenpflicht ergibt sich aber lediglich aus der Tatsache, dass Mittel, die nicht zur Registrierung als Nahrung oder Nahrungsergänzungsmittel eingereicht werden, automatisch der Apothekenpflicht unterliegen. Den Herstellern kommt dies entgegen, denn die Apothekenpflicht legitimiert in der Wahrnehmung des Konsumenten den Status von homöopathischen Mitteln als ‚Medizin‘. Außerdem kann man seine Produkte deutlich teurer verkaufen, als dies unter der Einordnung als Lebensmittel durchsetzbar wäre.

Zusätzlich zur vermeintlichen Legitimierung der Homöopathika trägt leider die EU-Richtlinie 2001/83/EG bei. Darin wurde ein EU-weites Verfahren zur einer vereinfachten Genehmigung von homöopathischen Mitteln festgelegt. Ich vermute mal, das dieses zur Entlastung der entsprechenden Stellen gedacht ist, die ja mit der Genehmigung von tatsächlichen Arzneimitteln genug zu tun haben dürften, denn die Begründung der EU-Richtlinie muss man sich auf der Zunge zergehen lassen (Hervorhebungen von mir):

Angesichts der Besonderheiten der homöopathischen Arzneimittel, wie etwa ihrer sehr geringen Wirkstoffkonzentration, und der Schwierigkeit der Anwendung der herkömmlichen statistischen Methoden bei klinischen Versuchen erscheint es wünschenswert, ein besonderes vereinfachtes Registrierungsverfahren für solche homöopathischen Arzneimittel vorzusehen, die ohne therapeutische Indikation und in einer Zubereitungsform und einer Dosierung, die kein Risiko für den Patienten darstellen, in Verkehr gebracht werden.

Ich frage mich, wieso es schwierig sein soll, die Wirkung eines Mittels objektiv zu untersuchen und in Zahlen zu erfassen (was ja auch reichlich geschehen ist), aber gut. Die zweite Hervorhebung ist sowieso der Knackpunkt: „…ohne therapeutische Indikation“ bedeutet im Medizinerdeutsch einfach Folgendes: Es hat keine Wirkung! Bzw. der Hersteller gibt keine medizinische Wirkung an. Und das ist eine Voraussetzung für die Zulassung zu diesem vereinfachten Verfahren. Die meisten homöopathischen Fertigprodukte die in Deutschland verkauft werden sind nach diesem Verfahren registriert. Go figure.

Der Gesetzgeber will den Kram also offenbar ohne viel Aufwand durchwinken, solange die Dosierung (es werden immerhin auch Stoffe wie Quecksilber, Tollkirsche und Salzsäure in der Homöopathie verwendet) nicht gefährlich ist.

Aber warum geht man dann nicht den Schritt, das Zeug zu verbieten?

1) Es ist ja nicht gefährlich (wobei es im Arzneimittelgesetz eigentlich eine Klausel gibt, nach der Mittel, welche nicht die versprochene Wirkung haben, nicht verkauft werden dürfen, aaaaber: Wer sein Mittel nach der o.g. Richtlinie registriert, hat folgende Pflichtangabe auf der Packung zu machen: „Registriertes homöopathisches Arzneimittel, daher ohne Angabe einer therapeutischen Indikation“; Und wer will schon beweisen, das der Homöopath eindeutig gesagt hat „Nehmen Sie diese Globuli ein und X wird definitiv besser.“)

2) „Wo kein Kläger…“ es gibt nur eine kleine Anti-Homöopathie-Lobby. Aber eine große Pharmalobby. Ja, dazu gehören natürlich auch die größeren Hersteller von Homöopathika.

3) Die Krankenkassen haben ebenfalls keinen Grund gegen Homöopathika vorzugehen. Wenn der Patient meint, er braucht etwas gegen sein Leiden, dann wird er sowieso etwas vom Arzt verschrieben bekommen. Sparen kann man hier also wohl kaum etwas. Aaaaber: Die Übernahme von Kosten für ‚alternative Medizin‘ ist eine von wenigen  Möglichkeiten für die Kassen jüngere Menschen zum Krankenkassenwechsel zu bewegen.

Eine Änderung der Situation ist also nicht zu erwarten und ich komme zum selben Schluss, wie bei meinem Text zu den o.g. Monsanto-Verschwörungs-Petitionen:

Die Selbstverantwortung des Einzelnen ist wie so oft gefragt. Man muss sich informieren, den gesunden Menschenverstand einsetzen und einfach bewusst mit solchen Themen umgehen und als vernunftbegabtes Wesen Dinge und Behauptungen kritisch hinterfragen. Vor allem wenn es um die Gesundheit – und womöglich noch die Gesundheit anderer (z.B. Kinder) – geht.

(via Niggemeiers reddit AMA)

Kommentar verfassen