Podcasts in Deutschland – Ein unterschätztes Medium

Ich wollte schon seit längerem mal was zu diesem Thema schreiben, da ich das Gefühl habe, dass die meisten Menschen dieses Medium überhaupt nicht wahrnehmen. Möglicherweise habe ich da eine verzerrte Sicht, aber ich kenne in meinem Freundes- und Bekanntenkreis genau eine weitere Person, die Podcasts hört. Man mag mit technischen Hürden argumentieren, die die meisten Menschen davon abhält, sich mit dem Thema auseinanderzusetzen, aber im Grunde ist die Nutzung des weltweiten Podcastangebotes auch nicht schwieriger als die Handhabung von z.B. Netflix.

Seit ich vor drei Jahren mein erstes Smartphone kaufte, ist Podcasts hören eine der Hauptnutzung für dieses Gerät. Podcasts, sind eine schöne Alternative, um sich die Zeit zu verkürzen, sei es beim Berufspendeln, Bügeln oder anderen monotonen Haushaltstätigkeiten. Und je nach dem, was man hört, kann man sich unterhalten lassen oder was lernen, oder auch beides gleichzeitig.

Es gibt bei jedem Endgerät andere Möglichkeiten Podcasts zu hören, sei es entweder direkt über die Podcast-Anbieterseite im Browser, über iTunes oder einer entsprechenden App, wie z.B. Podkicker, welche ich verwende. Damit kann man einfach nach Podcasts suchen und diese abonnieren und das ausgewählte Angebot wird bei Bedarf oder automatisch heruntergeladen.

Dafür muss man natürlich erstmal wissen, was es denn überhaupt zu hören gibt und dafür gibt es im Netz auch entsprechende Portale.

Nach dem Listing der Hörsuppe, einer zentralen Sammel- und Informationsseite für Podcasts, gibt es über 300 deutschsprachige Angebote, die fast keine Wünsche offen lassen. Zugegebenermaßen gibt es eine spürbare Nerd- und Berlindichte bei deutschen Podcast, aber das ist wohl gewissen soziokulturellen Dynamiken geschuldet. Aber auch außerhalb dieses Biotops finden sich hörenswerte Produktionen.

Um mal einen Eindruck über die Bandbreite des Angebotes zu bekommen liste ich an dieser Stelle meine Top-10-Podcasts auf, die mich jetzt schon eine ganze Weile begleiten:

01. WRINT – Wer redet ist nicht tot
WRINT ist mehr als nur ein Podcast. Hierbei handelt es sich schon fast um ein Vollprogramm von z. Zt. elf verschiedenen Formaten, die wir Holger „Holgi“ Klein zu verdanken haben. Von der Weinverkostung über Politikunterricht bis hin zu Neuigkeiten aus der Wissenschaft und noch vielem mehr unterhält sich Holgi mit verschiedenen Podcast-Partnern über themenspezifisches und oftmals auch einfach alltägliches. Das Ganze aber nie abgehoben, sondern immer ehrlich, nicht zu selten voller Humor und meist mit einem Augenzwinkern. Bei ernsten Themen aber auch gerne mit klaren Statements und Ansagen, was, wie ich finde, Holgi und seinen Mitstreitern eine sympathische Authentizität gibt.

Holgi, der auch als professioneller Radiomoderator arbeitet, war mir zuvor bekannt aus dem ‚Not Safe for Work‚-Podcast, den er mit Tim Pritlove (dem Podcast-Urgestein) von 2009 bis 2014 gemacht hat und der jetzt (leider) in einer Art Kryostasis liegt. Daher führe ich den jetzt auch nicht in den Top 10 auf, wo er aber sonst hingehört hätte.

02. Logbuch:Netzpolitik
Genau das, was der Titel sagt: Logbuch:Netzpolitik ist ein mehr oder weniger wöchentliches Update über den Stand der hiesigen Politik und des gesellschaftlichen Diskurses in Sachen Internet. Dabei beleuchten Tim Pritlove und (meist) Linus Neumann natürlich besonders die kritischen Bereiche, wie z.B. Datensicherheit, Vorratsdatenspeicherung, Netzneutralität sowie die aus den Snowden-Veröffentlichungen resultierenden NSA/BND-Skandal und dessen Aufarbeitung im Untersuchungsausschuss. Dass die beiden sich immer wieder diesem Wahnsinn stellen und die Einlassungen diverser ignoranter Politiker mit der nötigen Portion Humor auseinandernehmen sei ihnen dabei hoch angerechnet.

03. Hoaxilla – Der skeptische Podcast aus Hamburg
Hoaxmistress Alexa und Hoaxmaster Alexander haben sich bei ihrem Podcast ‚Hoaxilla‚, der Aufklärung von Aberglauben, Desinformation aber auch der Beleuchtung geheimnisvoller historischer Ereignisse verschrieben. Dabei reicht das Spektrum von ganz aktuellen Themen wie Homöopathie und Impfgegnern, über wenig bekanntes, wie die Zahlensender bis zu Todesfällen unter mysteriösen Umständen. Dabei referieren die beiden immer ausgewogen über ihre Themen, ohne die Materie ins lächerliche oder eine bestimmte Richtung zu ziehen, auch wenn es sich ganz offensichtlich um unglaubliche Dinge handelt. Mit ihrer neutralen und analytischen Betrachtungsweise und der guten Recherche zerlegen sie u.a. angeblich paranormale Phänomene und rätselhafte Vorkommnisse, und bringen die Sachverhalte auf den Boden der Tatsachen zurück. Neben dem Podcast sind die beiden auch in diesem Metier als Sachbuchautoren aktiv.

04. Wir. Müssen Reden
Bei dem quasimonatlichen Podcast ‚Wir. Müssen Reden‚ setzen sich Michael Seemann und Max von Webel bei dem einen oder anderen Bier zusammen, um die „Netz-kultur-politisch-feuilletonistisch-dingsige-Weltlage“ zu besprechen. Wobei zusammensitzen es nicht mehr ganz trifft, denn der eine sitzt in Berlin und der andere seit einiger Zeit in San Francisco. Was die beiden aber nicht davon abhält weiterhin zwei bis drei Stunden mit Gesprächen aus den Themengebieten der Politik, Gesellschaft, bis hin zu philosophischen Fragen über den Menschen im Informationszeitalter zu diskutieren.

05. Wasting Away
Wasting Away‚ ist sozusagen der Hauspodcast der Fünf Filmfreunde, in dem Sebastian Moitzheim und Oliver ‚Batzman‘ Lysiak Filme besprechen, die man nur mit Alkohol ertragen kann. Dabei fördern sie (und auch die Zuhörer) immer wieder Perlen des Trashkinos zu Tage, von denen man noch nie gehört bzw. die man vielleicht mal nachts um zwei auf einem Privatsender gesehen und erfolgreich verdrängt hatte.

Neben der Besprechung dieser Stilblüten der Filmkunst gibt es zuvor auch immer eine ausführliche Besprechung des aktuellen Film- und Seriengeschehens.

06. In trockenen Büchern – Unlesbares hörbar gemacht
Alexandra Tobor stellt in ihrem Podcast mit dem schönen Wortspieltitel ‚In trockenen Büchern‚ in jeder Folge ein Sachbuch vor. Ihre Produktion hatte ich bereits schon einmal in einem separaten Artikel beschrieben. Unter anderem ist sie auch Co-Moderatorin des ↑WRINT-Formats ‚Die Wrintheit‘.

07. Schöne Ecken – Stadtkultur aus urbaner, ästhetischer und lukullischer Sicht.
Helge Kletti, Cornelis Kater und Sven Sedivy haben mit dem ‚Schöne Ecken‚-Podcast ein besonders ungewöhnliches Format geschaffen. Ihre Mission ist es, in jeder Folge einen anderes urbanes Umfeld und dessen Architektur zu erforschen, sei es das unterirdische Köln, spontane Besuche in Wohnungen wildfremder Menschen in Hannover, oder ein niederländischer Supermarkt. Währenddessen berichten sie live davon und beschreiben dem Zuhörer, was sich ihnen darbietet und dokumentieren dies auch fotografisch. Daher ist es auch einer der wenigen Podcasts, der sozusagen multimedial anzuwenden ist, da es zu jeder Folge auf der dazugehörigen Seite Fotos gibt.

08. Resonator – Der Forschungspodcast der Helmholtz-Gemeinschaft
Umtriebig, wie er ist, betreibt Holger Klein auch noch den ‚Resonator‚-Podcast im Auftrag der Helmholtz-Gemeinschaft, einem Verbund von 18 naturwissenschaftlich-technischen und medizinisch-biologischen Forschungszentren. Hier unterhält er sich in jeder Folge mit den SprecherInnen und LeiterInnen der verschiedenen Einrichtungen über ihre Forschung, Motivationen und Langzeitperspektiven ihrer Fachgebiete und gibt so einen interessanten Einblick in das aktuelle wissenschaftliche Umfeld in Deutschland.

09. Freak Show – Menschen! Technik! Sensationen!
Eigentlich seltsam, dass ich den ‚Freak Show‚-Podcast von Tim Pritlove und seinem Team regelmäßig höre. Wenn ich Glück habe, verstehe ich 20% von dem, was die Herren (und manchmal auch Damen) Informatiker von sich geben, aber dann handelt es sich eher auch um nerdnahe Themen, die Schnittmengen zu meinen Interessengebieten bilden. So gesehen spricht es ja für dieses Format, dass es mich nie langweilt und ich eventuell so auch einen Einblick in mir völlig fremde technische Gefilde bekomme (so zumindest meine Hoffnung).

10. Zündfunk-Generator
Der ‚Zündfunk-Generator‚ von Bayern 2 ist der einzige Podcast, der aus dem gebührenfinanzierten Angebot der öffentlich-rechtlichen Medien in meinen Favoritenpodcasts vorkommt. Ich hatte bereits hier und hier schon mal auf dieses Angebot verwiesen, weil diese Produktionen des Bayerischen Rundfunks durchgehend gut produzierte Features zu aktuellen gesellschaftlichen Themen sind.

Abgesehen von dem letzten Beispiel des Zündfunk-Generators und dem Resonator-Podcast sind die hier aufgeführten Beispiele, wie die meisten solcher Produktionen mehr oder weniger private persönliche Projekte, die eigentlich nur der Begeisterung an diesem Medium entsprungen sind und für die die Macher ihre private Zeit investieren und auch Geld in die Hand nehmen müssen, um diese zu produzieren. Daher sind Podcaster auf Spenden angewiesen und es hat sich ein interessantes wirtschaftliches Geflecht aus flattr-, Patreon-Spenden, Sachgeschenken von diversen Amazon Wunschlisten, sowie direkten Zuwendungen in Form von Schokoladenriegeln, Spirituosen und anderer Genussmittel entwickelt.

Podcasts sind für mich eine schöne Ergänzung zur Gesamtmischung meiner Mediennutzung und ich könnte und wollte auch nur schwerlich darauf verzichten. Von seriös bis albern von informativ sachlich bis sehr persönlich geben Podcast mehr einen Einblick in die Gesellschaft oder zumindest in die Gesellschaftsschichten, die die Podcasts bevölkern und abbilden, als es offizielle Medien tun könnten.

Wer sich noch nie mit Podcasts auseinandergesetzt hat, sollte ihnen also eine Chance geben, da sie den eigenen Horizont nur bereichern können. Die Voraussetzung dafür hat jeder in der Tasche, alles was man tun muss ist sich eine entsprechende App zu laden und zu schauen, was es im Angebot gibt. Meine Top 10 sind ja auch nur ein kleiner Ausschnitt des Spektrums. Es wäre schade, wenn Podcasts ein Nischenphänomen blieben, da hier großes Potential für Untehaltung und Bildung liegt.

Kommentar verfassen