Kein Google Glass in Europa – Vorboten eines Wandels

Wie auf googlewatchblog berichtet, werden wir in Europa wohl noch lange keinen Zugang zu Googles next big thing haben. Da die Datenschutzrichtlinien auf unserem Kontinent wesentlich strikter sind und dazu noch von Land zu Land verschieden, steht eine Zulassung für den europäischen Markt noch in den Sternen, während die Brille in den USA ab 2014 im Handel sein wird.

Ehrlich gesagt finde ich das korrekt und auch nur konsequent angesichts der Erkenntnisse über den NSA-Skandal der letzten Monate. Unsere rückgratlosen europäischen Regierungen machen sich keine Mühe, z.B. Fluggastdatenabkommen auszusetzen und sprechen sich auch weiterhin nicht entschieden gegen ein Freihandelsabkommen mit den USA aus, um überhaupt mal ein Zeichen zu setzen. Selbst nach den unfassbaren Gesetzesüberschreitungen, die sich amerikanische Geheimdienste hier geleistet haben. Da hat ja selbst Brasiliens Präsidentin Dilma Rousseff mehr Eier in der Hose, als diese buckelnde Berliner Bagage. Einfach nur peinlich das Ganze.

Daher sehe ich das vorerst bestehende Verbot von Google Glass als einen Vorboten, für eine zukünftige Entwicklung, die sich abzeichnet. Produkte von amerikanischen Firmen, von denen wir ausgehen müssen, dass die von ihnen gesammelten Daten auf zentralen Servern in den USA landen, haben es möglicherweise bald generell schwerer den Zugang zum europäischen Markt zu bekommen. Abgesehen von erschwerenden staatlichen Reglementierungen, ist ein zunehmender Vertrauensschwund aufgrund der (erzwungenen) Zusammenarbeit diverser Dienste mit der NSA ein weiterer Grund, warum es Firmen wie Facebook, Google und all die Clouddienste schwerer haben könnten.

Dieser Vertrauensverlust bedeutet für dieses Unternehmen gleichzeitig auch finanzielle Einbußen und das ist der Punkt, wo es ihnen wehtut. Der zugelassene und hingenommene Rechtsbruch durch die Hintertür wurde solange akzeptiert, wie er geheim war. Aber jetzt, wo die Nutzer verunsichert sind geht es um die Substanz, die Werbeeinnahmen.

Wenn also Staaten nicht willens oder in der Lage sind, sich gegen das Diktat einer totalitären Ausspähungsmaschinerie zur Wehr zu setzen, bleibt die Verantwortung an den Datenschützern und nicht zuletzt an jedem einzelnen Menschen hängen. Die These, dass der einzige wirksame revolutionäre Akt im Kapitalismus der Konsumverzicht ist, kommt an dieser Stelle wieder zum tragen.

Man verstehe mich nicht falsch. Auch ich nutze die Vorzüge der modernen Kommunikation. Meine Fotos auf dem Smartphone werden automatisch in einen Ordner der Dropbox abgelegt und ich veröffentliche auch Dinge über mich auf Facebook. Und wie wir ja nun wissen ist es faktisch so, dass ein NSA-Mitarbeiter, wenn er wollte, wohl weitaus problemloser an diese Daten kommt, als wir früher gedacht haben.

Privatsphäre ist ein sehr subjektiver Begriff und viele kluge Leute (hier oder hier) haben in letzter Zeit sehr viel kluges und differenziertes dazu geschrieben. Jedoch überdenke ich auch mein Verhalten. Nein, ich fange nicht an meine Kommunikation zu verschlüsseln, da das in etwa so sinnvoll ist, wie in einem Heer von Nackten in einer Ritterrüstung rumzulaufen, um nicht aufzufallen. Man kann mir vorwerfen, dass ich mich so in meine informationelle Nacktheit ergebe und mich dem System beuge, aber ich denke, dass ich das für mich vertreten kann.

Jedoch bemerke ich, dass ich mittlerweile wesentlich weniger persönliches auf Facebook teile. Ich war noch nie einer von denen, die jedes Partyfoto öffentlich zugänglich gemacht hätten, aber mittlerweile bestehen meine Beiträge hauptsächlich aus externen Links oder internen Shares, die zumindest noch Rückschlüsse auf meine politischen und sonstigen Ansichten zum Leben zulassen, aber weniger direkt auf mein Privatleben.

Aufgrund all der Enthüllungen Snowdens, stellt sich bei mir aber auch nur ein subtiles Unwohlsein ein, was von den unglaublichen Möglichkeiten der modernen Kommunikation bei weitem überdeckt wird. Die Gewissheit der Überwachung ist da und es ist nicht in Ordnung, dass das so ist, denn ob man will oder nicht verändert dies das eigene Verhalten. Und es ist auch nicht in Ordnung, dass Menschen wie Daniel Bangert von Behörden eingeschüchtert werden, wenn sie zu harmlosen Wanderungen über Facebook aufrufen.

Das Gute an der Sache ist, dass heutzutage sowas nicht mehr geheim bleibt. Und das macht mir Hoffnung. Die gleichen Systeme, die uns überwachen, können auch überwacht werden und jede Regung des Apparates wird registriert und es finden sich Millionen potenzieller Aktivisten, die Missstände öffentlich machen. Zudem sind wir (zumindest in unseren Breiten) eine freie Gesellschaft, die sich, so hoffe ich es zumindest, nicht die Butter vom Brot nehmen lässt. Spannend wird sein, wie sich die Gesellschaft unter den gegebenen Umständen verändern wird. Wenn man sieht, wie die Generation der sog. Millenials Privatsphäre begreift verglichen mit einer Gesellschaft in den 80er Jahren, die sich gegen eine vergleichsweise lächerliche Volkszählung auflehnte, dann wird einem bewusst, dass es eben nicht nur einen Weg gibt.

Das, was durch den NSA-Skandal nach oben kommt ist die Befürchtung, in einem totalen Überwachungsstaat zu enden, der den Menschen jeglichen freien Willen nehmen kann, so wie man es aus ‚1984‘ gelernt hat. Jedoch, wie bereits oben angeführt, sind die Spielregeln andere, als es Orwell hätte voraussehen können. Was wir zur Zeit erleben ist das Endspiel derjenigen, die auf Herrschaftswissen bestehen; das letzte Aufbäumen, aber sie werden verlieren, weil es Milliarden Menschen da draußen gibt, die mit Geräten in der Hosentasche rumlaufen, die ein Wissens- und Aktionspotenzial freisetzen können, dass ohne Vergleich mit irgendwas in der Geschichte der Menschheit wäre. Wir sollten uns nicht vor Regierungen, Geheimdiensten oder Firmen fürchten, sondern sie sollten sich vor uns fürchten.

 

Kommentar verfassen