Ikea und die Moral

Heute ging durch die Medien, dass IKEA in der russischen Ausgabe ihres Kundenmagazins ein Interview mit einem lesbischen Paar aus England zu ihrem Familienleben und ihren zwei Kindern durch einen anderen Artikel ersetzt hat. Dies kann als offensichtliches Einknicken gegenüber der homosexuellenfeindlichen Gesetzgebung in Russland angesehen werden. Umso verheerender ist diese Entscheidung im Geiste eines rückgratlosen vorauseilenden Gehorsams, wenn man bedenkt, wie diffus das entsprechenden Gesetz gegen sog. ‚Propaganda von nicht-traditionellen sexuellen Beziehungen gegenüber Minderjährigen‘, eigentlich ist. Hätte es IKEA nicht einfach durchziehen können? Wären die Konsequenzen wirklich so unüberschaubar gewesen?Der Grund, warum ich nun darüber schreibe, ist weniger die Haltung des Möbelhausgiganten, als eher die naiven Vorstellungen einiger Menschen, wenn es um Abwägungen von Kapitalismus und Moral geht.

Man muss IKEA zugute halten, dass sie sich über die Jahrzehnte ein Image aufgebaut haben, welches sie doch eher als Freund aller Menschen darstellt. Gestärkt wird dieses Bild natürlich durch ihre kommunizierte Verantwortung als globales Großunternehmen z.B. durch ihr soziales Engagement oder auch ihrem Prinzip des Democratic Designs, welches auch den Aspekt der ökologischen Nachhaltigkeit beinhaltet. Aber das ist eben ein Image, wobei ich IKEA nicht unterstellen will, dass sie diese Firmenpolitik nur aus reiner Imagepflege betreibt. Oftmals blieb IKEA bei seiner weltoffenen Linie und verteidigte die Darstellung von homosexueller Alltäglichkeit in ihren Motiven auch gegen Proteste.

Man sollte aber auch sehen, dass es sich in erster Linie um ein kapitalistisches, also gewinnorientiertes Unternehmen handelt, das hauptsächlich der Erhaltung seiner finanziellen Basis und der Jobs der Mitarbeiter gegenüber verpflichtet ist. So kann es als Global Player schon mal zu unrühmlichen Fehltritten kommen, wo die eigenen Unternehmenskultur auf andere Weltanschauungen als die Skandinavische trifft und wirtschaftliche Interessen vor Ethik gehen. Wie z.B. die Tatsache, dass die Billy-Regale vor der Wende unter anderem von DDR-Strafgefangenen günstigst produziert wurden oder auch auf Rücksicht auf saudische Befindlichkeiten die Frauen aus der Lebensrealität der Kataloge rausretuschiert wurden.

Dies kann man alles kritisieren, besonders wie im jetzigen Fall die fragwürdigen Selbstzensur in Russland, die ein ungünstiges Signal in die Welt hinaus sendet. Wenn selbst schon sich IKEA ohne Not vorsorglich den repressiven Gesetzen eines Landes anpasst, wie wird sich das wohl auf andere globale Unternehmen auswirken, die auch unter zweifelhaften Umständen Profit machen wollen und eventuell ein Statement gegen Homophobie abgeben könnten, da sie eine große Zielgruppe erreichen (Coca Cola?).

Was ich jedoch extrem albern und auch naiv finde sind Kommentare zu der Thematik, die u.a. zum Boykott von IKEA aufrufen oder wo Menschen ihr ganzes Weltbild zusammenbrechen sehen, weil sich dieses herzensgute Möbelhaus zum dreckigen Handlanger eines Unrechtsregimes macht. Mal ganz ehrlich, IKEA ist keine Menschenrechtsorganisation sondern ein 36 Milliarden US-Dollar schweres Unternehmen mit 131.000 Mitarbeitern, welches sich im Rahmen seiner Möglichkeiten meist verantwortungsvoll verhält.

Es sollte einem bei alledem klar sein: IKEA ist nicht euer Freund; die tun nur so, damit ihr euch gut fühlt beim Möbelkauf. Denn darum geht es. Günstig produzierte Möbel für alle, bei denen man sich skandinavisch weltoffen fühlen kann, wenn man mit ihnen wohnt oder schon lebt, während das Unternehmen am anderen Ende der Welt Kompromisse eingehen muss, um auf dem Markt zu bestehen.

Niemand wird gezwungen bei IKEA zu kaufen und wem es nicht passt, der kann ja woanders einkaufen gehen. Man sollte sich aber nicht der Illusion hingeben, dass kapitalistische Unternehmen verpflichtet wären die Welt zum besseren zu verändern. Wenn überhaupt ist dies meines Erachtens die Verantwortung des Konsumenten. Dessen bewusstes und durch ausgewogene Information gesteuertes Kaufverhalten oder eben die Verweigerung ist wahrscheinlich der einzige direkt wirksame souveräne Akt, der uns im Kapitalismus geblieben ist.

Und wer sich für Menschenrechte, Demokratie oder allgemein für die Freiheit einsetzen will, kann sich entsprechend in unzähligen Organisationen oder (wer es mag) in Parteien engagieren. Auch wenn dieses Engagement unter Umständen nur zermürbend langsam Erfolge zeigen mag, erreicht man damit wahrscheinlich mehr, als Aufbewahrungsboxen aus Wasserhyazinthe bei IKEA oder Bakelit-Lichtschalter bei Manufactum zu kaufen oder eben nicht.

 

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