Her (kein Spoiler)

Es gibt zwei Science-Fiction-Filme, die uns etwas über die Menschen erzählen und die man gesehen haben muss. Ist ‚2001 – Odyssee im Weltraum‘ der cineastische Paradigmenwechsel des aufkommenden Raumfahrtzeitalters in den 60er Jahren, so liefert Spike Jonze mit ‚Her‘ den Film über Mensch und Technik im Informationszeitalter.

Beiden Filmen gemein ist – in visueller Hinsicht – diese unglaubliche Liebe und Sinn fürs Detail und die Inszenierung einer Alltäglichkeit, die einem die dargestellte Zukunft als realistisch erscheinen lässt.

Worin sich diese beiden Meisterwerke diametral unterscheiden ist die Darstellung des Menschlichen. Während man in ‚2001‘ einen kühl-distanzierten wenn auch nicht hoffnungslosen Blick auf das langfristige Schicksal der Menschheit im Allgemeinen wirft, so geht ‚Her‘ genau den anderen Weg und untersucht punktuell die menschliche Gefühlswelt des Individuums und breitet das gesamte Portfolio an Emotionen aus, zu dem wir im Stande sind.

Mittelpunkt der Geschichte ist der eher introvertierte Theodore Twombly, der sich im Los Angeles der (evtl.) 2020er/30er Jahre mitten in einer Lebenskrise befindet. Während er für eine Agentur persönliche und gefühlvolle Briefe als Auftragsarbeiten schreibt, ist er in seinem Privatleben mit seinen eigenen Gefühlen eher verloren. Seine Ehe ist gescheitert und er zögert ob der Endgültigkeit das Unterschreiben der Scheidungspapiere hinaus.

Zu diesem Zeitpunkt ergibt es sich, dass er sich ein neuartiges Betriebssystem (OS1) mit einer extrem fortgeschrittenen künstlichen Intelligenz auf seinem Rechner installiert. Das auf Wunsch mit einer weiblichen Stimme ausgestattete System gibt sich selbst den Namen Samantha und gewinnt mit ihrem Witz und Charme Theodores Herz.

Der weitere Verlauf der Geschichte, die ich hier jetzt nicht spoilern werde, ist eine so vielschichtige Analyse zwischenmenschlicher Beziehungen, die ungeahnt gut funktioniert, wenn man bedenkt, das nur Joaquin Phoenix körperlich anwesend ist, während die Stimme von Samantha (im Original von Scarlett Johansson gesprochen) Emotionen rein verbal rüberbringen muss. Es ist eine Geschichte von persönlicher Entwicklung; von Minderwertigkeitsgefühlen und Unsicherheiten; von Verletzungen und Bestätigungen, die man in Beziehungen erfährt; vom, in diesem Fall in mehrerer Hinsicht gerechtfertigten, Zweifel an der Echtheit von Gefühlen, aber auch von reiner Wahrhaftigkeit und Aufrichtigkeit, die es zwischen Liebenden geben kann.

Das Ganze ist dazu in eine so detailreiche zum Greifen nahe futuristische Welt eingebettet, dass es bestimmt mehrerer Durchläufe des Anschauens bedarf, um alles zu erfassen. Allein das fiktionale Los Angeles wirkt so, als sei es mit einer der gegenwärtigen asiatischen Megalopolen kollidiert, so dass einem zwar klar sein muss, dass diese Stadt so nicht existiert, jedoch tragen die Luftaufnahmen und Lichtstimmungen dazu bei, die Illusion völlig zu akzeptieren.

Ebenso die Projektion der Weiterentwicklung der Technologie; seien es die Benutzeroberflächen der sprachgesteuerten Computer oder einfach nur die dekorativen Elemente in der Umgebung, welche so raffiniert eingesetzt sind, dass man das Gefühl hat einen echten Blick in die Zukunft zu werfen. Also genau die Art visueller Offenbarung, die ‚2001‘ vor 46 Jahren auch ausgelöst hat.

Interessant ist auch der Vergleich von ‚2001‘ mit ‚Her‘, wenn man sich das Verhalten von und den Umgang mit künstlicher Intelligenz anschaut. Auf der einen Seite haben wir den HAL9000, ein empathisches, jedoch auch logisch kalt berechnendes Computersystem, welches durch eine Fehlfunktion gefährlich wird und der Mensch sich des Systems bemächtigen muss, um sich selbst zu retten. Auf der anderen Seite haben wir Samantha, die selbst nicht perfekt sondern menschlich erscheint und gewillt ist sich weiter zu entwickeln bis zu einem Punkt, wo die intellektuelle Distanz zu ihrem menschlichen Partner zu groß wird, sie jedoch aufgrund ihrer Fähigkeit zu lieben und die richtigen Schlüsse zu ziehen, sich und den Menschen hilft sich selbst zu retten.

Wie einst Stanley Kubrick hat Spike Jonze meines Erachtens mit seinem Film eine Tür aufgestossen und die richtigen Fragen zur richtigen Zeit gestellt. Noch mag man über die Grundlagen und der Verwertbarkeit der Ergebnisse des Bestehens eines Turing Test diskutieren, aber wir werden uns auseinandersetzen müssen mit einer Welt, in der synthetische Wesen Menschlichkeit simulieren, oder darüber hinaus den Anspruch erheben gleichwertige fühlende Entitäten zu sein. Was ist echt, was ist simuliert? Sind das nur Fragen zur Beschreibung von Maschinen oder müssen wir unser eigenes internes Gefühlssystem auch darauf hin prüfen? Wollen wir in einer Welt leben mit wankelmütigen Betriebssystemen, die eigentlich nur unsere Korrespondenz sortieren sollen? Oder setzen wir Grenzen und verwirklichen nicht jede denkbare Technologie? Haben wir überhaupt eine Wahl?

Das Ende von ‚Her‘ ist in dieser Hinsicht versöhnlich. Wenn man auch zwischendurch glauben konnte, der Film wäre ein bittersüßer und gefühlvoller Abgesang auf unsere Spezies, so kommt es dann doch anders als man denkt. Und wenn einem der Computer helfen kann, die eigene Isolation zu überwinden und bei der Nachbarin an die Tür zu klopfen, dann ist vielleicht noch nicht alles verloren.

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