Gastbeitrag zum Stand des Fernsehens

Die Entwicklung des vermeintlichen Leitmediums Fernsehen und die Konsequenzen sind ja des öfteren auch Thema in diesem Blog gewesen. Daher freue ich mich heute einer  Analyse dieses Mediums meiner ehemaligen Arbeitskollegin Saskia Schmidt ein Forum zu geben. Der Text, der im Rahmen ihres Studiums an der FH Joanneum in Graz als Abschlussarbeit im Fach ‚Professionelles Schreiben‘ entstand, fasst den (Zu-)Stand der deutschen Fernsehlandschaft kurz zusammen und könnte als Diskussionsgrundlage für die Fernsehschaffenden dienen, die sich immer mehr Konkurrenzdruck ausgesetzt sehen:

Von Quotenschlachten & Schiffeversenkern

Was wir alles nicht schauen und schon gar nicht gut finden!

Je geringer das Bildungsniveau, desto mehr Fernsehen wird geschaut. Aber ist das auch wirklich so, oder hat sich das Fernsehverhalten einfach geändert? Ist die Fernsehlandschaft wirklich so schlecht, wie behauptet wird? So mancher Fernsehsender scheint die Intelligenz seiner Zuschauer in Frage stellen zu wollen. Brauchen wir, als Rezipienten, wirklich einen Johann Lafer, der uns erklärt, wie man ein Spiegelei brät oder ein Format wie „Mieten, kaufen, wohnen“, um fiktiven Personen dabei zuzusehen, wie sie ihre perfekte Wohnung finden? Fernsehen hat keine große Strahlkraft mehr, so dass sich das Publikum darüber austauschen möchte.

Es wird als Restzeitmedium benutzt. Bevor der Fernseher eingeschaltet wird, hat der potenzielle Zuschauer sich gegen so viele übrige Unternehmungen entschieden, z.B. er ist zu müde für einen alternativen Kinobesuch oder er hat einfach zu nichts Lust. Dann wird der Fernseher eingeschaltet und es soll bestenfalls sofort die Sendung, Serie oder Dokumentation gezeigt werden, die er genau in diesem Moment sehen will. Nach dem fünften Kanal, auf dem nicht genau das läuft, was er sehen will, ist die Frustration so groß, dass er einfach wahllos irgendetwas anschaut, und dieses Gefühl bleibt beim Zuschauer hängen.

Das kollektive Fernseherlebnis, wie es früher einmal war, scheint zu verschwinden. Besonders deutlich wird das am alten Showschlachtschiff „Wetten dass…?“. Selbst die Ernennung eines neuen Kapitäns und die Änderung des Kurses scheinen den Untergang nicht mehr aufzuhalten. Das Showkonzept, das in den 80er Jahren entwickelt wurde, verleitet die Zuschauer nicht mehr zu Jubelstürmen und versetzt es zudem nicht mehr in Lagerfeuerstimmung um den Fernseher herum. Die Sendung für die ganze Familie funktioniert heute nicht mehr. Große Stars und ihre Auftritte, waghalsige Stunts und lustige Ideen stehen auf Youtube jederzeit zu Abertausenden, zur Verfügung. Jeder kann Fernsehen schauen wann und wo er will und was er will.

Die deutsche Fernsehlandschaft ist in einer Sackgasse gelandet, aus der nur wenige den Notausgang finden. Zu den wenigen, die zumindest ansatzweise wissen, wie es weitergeht, bevor irgendwann das Internet das Fernsehen schlucken könnte, gehört der ProSieben-Moderator Stefan Raab. Er, der jahrelang als Bösewicht des Fernsehgeschäfts verachtet wurde, hat seit 1999 seine tägliche Late-Night-Show, sowie immer wieder neue große Sportevents und Shows. Hiermit baute er sich in den letzten Jahren ein Image als seriöser Monopolist auf und geht neue Wege mit den unterschiedlichsten Sendeformaten.

Ich gehe ja auch nicht in eine Bibliothek, greife nach irgendeinem Buch und hoffe, dass es mich interessiert.
Joko Winterscheidt

Die Einschaltquoten zu „Schlag den Raab“ oder der „Wok WM“ geben ihm Recht. Seine Mitbewerber dagegen hecheln orientierungslos hinterher und sind schon glücklich, wenn sie noch die Rücklichter eines längst abgefahrenen Trendzugs erblicken.

Zu den prominenten Zugverpassern gehört wohl die ARD, bei der man die diversen Variationen der ewig gleichen Quiz- und Test-Shows durchspielt, was zwar noch ordentliche Quoten bringt, aber in Sachen Innovation so neu ist wie die Schreibmaschine.

Trotzdem rechnet sich die ARD hartnäckig die gleiche Unterhaltungskompetenz zu, die der Sender zuletzt in der TV-Steinzeit hatte, als Rudi Carrell noch das Maß der Dinge war und nicht Jörg Pilawa. Die meisten Sendungen, über die sich offiziell aufgeregt und diskutiert wird, laufen auf den vier bis fünf Privatsendern.

Das Vormittagsprogramm mit dem sogenannten „Hartz-IV-Fernsehen“ oder abendfüllende Formate wie „Das Dschungelcamp“ und „Bauer sucht Frau“ sind, wenn man den Quoten glaubt, die Sendeformate, die neben den allseits ausgetragenen Castingshows die erfolgreichsten, die RTL je produziert hat. Das werbefinanzierte Privatfernsehen weiß genau, was sie anbieten müssen, damit die Quote stimmt und die Werbeeinnahmen steigen.

Diese Sendungen sind so erfolgreich, da sie aus reinem Voyeurismus geschaut werden. Es herrscht eine Stimmung wie auf einem mittelalterlichen Markt, auf dem jemand an den Pranger gestellt wird. „Seht her, dieser arme Bauer hatte mit 45 Jahren noch nie eine Freundin“. Seitens der Produzenten wird so getan, als würde man diesen Menschen helfen und ihnen zu einem besseren Leben verhelfen wollen, das ist zynisch. Trotzdem muss man denjenigen, die hinter der Kamera stehen, den Vorwurf machen; sie führen zum größten Teil Menschen vor, die nicht in der Lage sind, das Geschehene und sich selbst zu reflektieren und die daher keinerlei Verständnis davon haben, was dort mit ihnen passiert. Durch das Zusammenschneiden von Szenen, die sich so nie zugetragen haben oder die Untermalung mit kitschigen Liebesliedern gelangt so manches Bauernpaar zu ungewolltem Ruhm. Wer so ein solches Format produziert, trägt eine Verantwortung für dessen Protagonisten. Dem deutschen Fernsehen fehlt es an Mut und vor allem an Tiefe.

Relevant ist nur, was viele Leute gucken, wenn viele Leute Scheiße gucken, dann ist Scheiße relevant.
Klaas Heufer-Umlauf

Die Sendung Circus HalliGalli auf ProSieben beweist erst: Wenn man neue und ungewöhnliche Wege geht, kann eine Sendung auch in der heutigen Zeit große Erfolg feiern. Manche Sendungen benötigen Zeit, um vom Publikum angenommen zu werden. Wenn man sich die Sahnestücke aus der großen Fernsehkonditorei aussucht und vielleicht auch mal eine Geschmacksrichtung wählt, die weggeht von den Privatsendern, dann entdeckt man wundervolle neue Sendeformate, die Mut beweisen und dabei die Tiefe nicht vergessen. Man kann nicht pauschal sagen, dass das Fernsehen schlecht ist, das Publikum schaut einfach nur die falschen Sender.

Die gestaltete Version der Arbeit findet sich hier.

 

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