Des Menschen Werk

Heute ist mir die neue Plakatkampagne des deutschen Handwerks ins Auge gefallen und hat etwas bei mir ausgelöst, dass ich nicht umhin komme die Leserschaft damit zu behelligen. Dabei geht es mir gar nicht so sehr um die Art und Weise der Gesamtkampagne, die durchaus solide Botschaften zwischen witzig (der Bierbrauer) bis leicht pathetisch (der Stadionbauer) benutzt, um die Bedeutung der Leistungen des Handwerks in einen höheren Kontext zu stellen. Mir geht es speziell um dieses eine Plakat, welches ich heute morgen im Zug auf dem Weg zu Arbeit passierte und mich innerlich zurückschrecken ließ:

Handwerk_plakatmotiv


© 2013 Handwerkskammer Mannheim Rhein-Neckar-Odenwald

Warum sich bei mir etwas verkrampft, wenn ich sowas lese, wollt ihr wissen? Auch wenn nicht, ich schreibe es trotzdem, weil ich es satt habe.

Mal abgesehen davon, dass die Aussage inhaltlich nicht ganz präzise ist (er restauriert „nur“ den Kölner Dom) ist mir diese Aussage für „Gott ein Haus“ bauen für mein Gehirn überhaupt nicht verarbeitbar. Ich verstehe solche Aussagen nicht mehr. Was soll das bedeuten? Und geht es nicht eine Nummer kleiner? Was wäre falsch gewesen eine wesentlich reifere Aussage zu treffen, wie z.B.: „Ich ziehe keine Mauern hoch. Ich bewahre das Gedächtnis unserer Kultur.“?

Wir leben im 21. Jahrhundert und alles was unsere heutige Gesellschaft ausmacht und was wir als richtig und konsensfähig ansehen ist aus einem jahrhundertelangen Prozess vom finsteren Mittelalter zur Renaissance über die Aufklärung und diversen Revolutionen mit Rückschlägen erkämpft worden. Gegen Menschen, von Menschen, für Menschen. Und immer im Namen eines angeblichen Gottes. Woher kommt diese Vorstellung eines Gottes? Und wieso ist das immer noch relevant?

Vom Osterhasen zur intellektuellen Emanzipation

Ich bin ja nun in meinen 36 Lebensjahren auch durch verschiedene Phasen von irrationalen Annahmen gegangen. Zu Beginn der Glaube an den Osterhasen, der die Ostereier bringt (eine offensichtlich heidnische Fruchtbarkeitssymbolik aus vorchristlicher Zeit) und den Weihnachtsmann (die Coca-Cola-Version eines türkischen Bischofs, der mit einem kinderverschleppenden Dämon umherzieht (ebenfalls heidnischer Herkunft)). Das legte sich aber bald, da ich begriff, dass andere Mechanismen dahinter steckten (Eltern (protestantischer Herkunft)).

Bedingt durch ein (immer noch) reges Interesse an Science-Fiction und allen Aspekten von Grenzwissenschaften (von UFOs bis zu Kryptozoologie und was es nicht alles gibt), habe ich mir schon als Heranwachsender ein Bild von der Welt gemacht, was wahrscheinlich doch recht weit von dem entfernt war, was die meisten meiner Altersgenossen als Realität angenommen haben. Später, durchaus auch forciert durch die Anschläge, vom 11. September, beschäftigten mich Verschwörungstheorien in ihrem gesamten Spektrum. Nicht unbedingt selbst als Gläubiger, sondern eher fasziniert vom Spannungsfeld von dem, was Realität sein könnte und was die Ausgeburten von Folienhutträgern sind.

(Es gibt ja wirklich Menschen, die glauben, dass die Mitglieder der britischen Königsfamilie reptiloide Lebensformen aus dem Sternbild „Alpha Draconis“ sind. Das ist natürlich Blödsinn, ich hab mich mit der Queen bei einer Tasse Jungfrauenblut und einigen Heuschrecken-Sandwiches unterhalten und sie hat es dementiert.)

Doch alles, womit ich mich in den Jahren beschäftigt habe, bot keine wirklichen Antworten auf die großen Fragen des Lebens an und Argumentationsketten von Anhängern diverser Bekenntnisse drehten sich immer im Kreis und langweilten mich. Religion war für mich immer nur eine Randerscheinung in meinem Leben, die ich als gegeben hinnahm. Es machte ja jeder mit. Ich nahm auch am Religionsunterricht teil, obwohl ich keiner Konfession angehörte, und es hat mir wahrscheinlich nicht geschadet. Ich hatte nur immer das Gefühl, dass religiöse Menschen (egal welcher Richtung) sich in ihren intellektuellen Fähigkeiten beschnitten, in dem sie selbständige Entscheidungen an willkürliche Regelwerke aus der frühen Eisenzeit abgaben.

Da ich generell gesellschaftlichen Konventionen schon immer skeptisch gegenüberstand, ausgehend von meiner isolierten Position als Homosexueller in einer Gesellschaft, die offensichtlich anders strukturiert war, als das Ideal, hinterfragte ich schon früh die  ‚gott’gegebenen Mechanismen und die gesellschaftliche Ignoranz/Verdrängung gegenüber eigentlichen Tatsachen. Dennoch lernte ich aus diesem fantastischen Fundus menschlicher Irrationalität, dass, wenn man antworten haben will, man die besten Ergebnisse erzielt, wenn man sich an das Protokoll des wissenschaftlichen Arbeitens und die Kraft des gesunden Menschenverstandes hält.

Nicht, dass ich deshalb eine wissenschaftliche Karriere eingeschlagen hätte. Damit wäre niemandem geholfen gewesen. Jedoch empfinde ich es zunehmend als Pflicht, mich hinter die Idee zu stellen, dass nur verifizierbare Informationen und eine ethisch-humanistische Denkweise von Relevanz für unsere Entscheidungsfindungen sein sollten und nicht der Glaube an eine nicht nachweisbare, wankelmütige mythologische Gestalt. Denn wenn man mal den ganzen irrationalen Firlefanz von der Religion abzieht, bleibt als Aussage eigentlich nur ‚Seid freundlich und respektvoll zueinander‘ und für diese Einsicht benötige ich keine Religion, sondern nur den Wunsch mein Leben in Frieden zu verbringen und mich dementsprechend zu Verhalten und das auch nach außen zu tragen. Da steckt eine emotionale Logik drin, die nicht mal ein Vulkanier bestreiten könnte.

Des Weiteren fühle ich mich bestärkt in meinen gottlosen Ansichten, im Kontext des zunehmend rauer werden Tonfalls religiöser Extremisten, sei es aus dem nahen Osten oder aus diesem auseinanderfallenden Reich jenseits des Atlantiks. Was von dort an verquasten Ansichten und Bigotterie gepredigt wird treibt mir ständig die Galle hoch und ich bin der Meinung, dass solchen Menschen kein öffentliches Forum gegeben werden darf. Es kann nicht sein, dass man 2013 n.u.Z., ermüdende Diskussionen mit Menschen führen muss, ob man nicht eine Alternative zur Evolutionslehre im Biologieunterricht zulassen müsste. NEIN! Muss man nicht! Get your facts straight! Lest Dawkins, ihr Idioten!

Versöhnliches und Klartext

Ich möchte in keinster Weise religiöse Gefühle verletzen, ich kenne Menschen, denen ihr Glaube als Leitfaden hilft ihr Leben zu strukturieren und für sich und ihre Mitmenschen erträglich zu machen, nur ist das für meine Art zu Leben nicht relevant und ich möchte auch nicht missioniert werden, auch nicht durch Plakate des deutschen Handwerks. Des Weiteren glaube ich, dass eigentlich nur Menschen in ihren religiösen Gefühlen verletzt werden können, die sich der ganzen Sache nicht wirklich sicher sind. Wenn sie zutiefst von dem überzeugt wären, was sie glauben, hätten sie ja keinen Grund sich aufzuregen.

Wie erwähnt bin ich ein Verfechter der wissenschaftlichen Methodik und wenn man diese ernst nimmt, darf man nicht sagen, es gäbe keinen Gott. Was man sagen kann ist, dass die Wahrscheinlichkeit der Existenz einer omnipotenten Entität, die das Universum geschaffen hat gegen Null tendiert, jedoch nicht völlig ausgeschlossen werden kann. Da sich diese Existenz mit den derzeitigen wissenschaftlichen Mitteln nicht belegen lässt, hat die Frage nach Gott auch keinen Platz in der Wissenschaft und daher auch keinen in meinem Leben.

Lange Rede kurzer Sinn, ich brauche keine Religion, um ein ethisch korrektes Leben zu führen. Ich brauche keinen Gott, um mir Dinge zu erklären oder Verantwortung für mein persönliches Handeln zu rechtfertigen. Ich brauche auch keinen Gott, um vor dem, was Christen die Schöpfung nennen, in Ehrfurcht zu erstarren. Auch da hat die Wissenschaft bei mir mehr ausgelöst, als es die Worte eines alten Buches voller unhaltbarer Welterklärungsversuche der eisenzeitlichen Wundergläubigen aus der Wüste je vermocht hätten.

Fragen über Fragen

Was mich nur wundert, ist, dass ich diesen Punkt der intellektuellen Befreiung von überholten Ansichten innerhalb von 36 Jahren zustande bekommen habe, während ein Großteil der Menschheit heute noch bei Blitz und Donner in der Höhle kauert und sich fragt, was sie getan haben, dass sie bestraft werden.

Wie kann es sein, dass Katholiken nicht merken, dass sie einem kannibalistischen Totenkult fröhnen (Abendmahl, Leib und Blut Christi), der, wenn ich mich mal mit Halbwissen und Vermutungen weit aus dem Fenster lehnen darf, doch wahrscheinlich auch nur eine Transformation vorchristlicher Rituale ist (Opferungen etc.)? Ich meine, die tragen einen an ein Kreuz genagelten ausgemergelten Mann an einer Folterkonstruktion vor sich her! Erklärt das mal jemanden, der nichts mit unserem Kulturkreis zu tun hat. Die würden einen doch einweisen lassen. Aber nein, wenn Milliarden Menschen Blödsinn als wahr annehmen wird es Realität.

Ein Beispiel, dass sich durch die Recherchen zu diesem Artikel ergab: Der Theologe Becker-Hubertis beschreibt in einem Artikel im Focus, das Osterei (da wären wir wieder), DAS Sinnbbild von Fruchtbarkeit und Leben als

„… ein Symbol des Grabes Christi. Es ist ein Symbol für Christus, der aufersteht. Rot gefärbt, steht es für die Farbe des Blutes, und damit für das Grab Christi, in dem das Leben nicht erloschen ist.“

Ganz ehrlich. Ich brauche solche Menschen nicht in meinem Leben, die das Fest des neu erblühenden Lebens auf ein Niveau eines Zombietotenkultes herunterziehen.

Und die Geschichte des heutigen Tages, wo ich erstmal nachschauen musste, warum ich nicht arbeiten muss, ist der Beweis, dass Religion an sich eine pathologische Angelegenheit ist. Ich zitiere aus Wikipedia:

„Die Anregung zu der Schaffung dieses Festes geht auf eine Vision der heiliggesprochenen Augustiner-Chorfrau Juliana von Lüttich im Jahre 1209 zurück. Diese berichtete, sie habe in einer Vision den Mond gesehen, der an einer Stelle verdunkelt war. Christus habe ihr erklärt, dass der Mond das Kirchenjahr bedeute, der dunkle Fleck das Fehlen eines Festes des Altarssakraments.“

Ähm ja… Heutzutage gibt es Medikamente dagegen. Case closed.

3 Gedanken zu „Des Menschen Werk

  1. Pingback: Aus Rücksicht auf Muslime? | logbuch

  2. Ehm, ja, der Kerl da restauriert den Dom, aber wenn du die Werbeaktion kennst, müsste dir auch klar sein, das nicht nur das restaurieren gemeint war, sondern Handwerker haben den Dom auch gebaut. Und somit ist „Ich bewahre das Gedächtnis unserer Kultur“ hier auch nicht ganz richtig.
    „Gotteshaus“ ist Umgangssprache. Sakralbau wäre korrekter, aber das umgangssprachliche in Betracht gezogen, ist „ich baue Gott ein Haus“ nicht falsch. Also mal immer ruhig Blut! Alles wird gut 😉

  3. Also ich fand es zu theatralisch und überzogen. Es geht ja auch eigentlich darum, dass es keinen Gott gibt und ich solche Aussagen als Volksverdummung ansehe.

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