Black Mirror S02E02 – Review

Wow. Nach der eher ruhigen Trauerbewältigungs-Episode der letzten Woche, war die zweite Folge mit dem Titel „White Bear“ von Anfang an adrenalingeschwängerte Schläge in die Magengegend mit Nachtreten. Im Nachfolgenden ist hier alles Spoiler, also selber entscheiden, ob gelesen wird oder nicht.

Zusammenfassung

Eine junge Frau namens Victoria erwacht desorientiert auf einem Stuhl in einem Haus. Sie kann sich anscheinend nicht erinnern, wer und wo sie ist. Sie fühlt sich gerädert und Pillen auf dem Boden machen den Anschein, als ob sie einen Selbstmordversuch hinter sich hätte. Auf den Fernsehbildschirmen in der Wohnung sieht sie ein Symbol, welches beim anschauen bruchstückartige Erinnerungsfetzen in ihrem Kopf hervorruft.

Sie begibt sich im Haus auf die Suche nach irgendetwas, das ihr weiterhelfen könnte, um sich zu erinnern. Das Einzige, dass ihre Aufmerksamkeit erregt, ist das Foto eines kleinen Mädchens, welches an den Rahmen eines Bildes von ihr und offensichtlich ihrem Freund geklemmt ist. Da sie davon ausgeht, dass es sich um ihre Tochter handeln muss und diese unauffindbar ist, begibt sie sich aus dem Haus, um nach ihr zu suchen.

Draußen, bei ihrem Gang durch die Häuserreihe, muss sie feststellen, dass sie von den Menschen aus den angrenzenden Häusern und auf der Straße beobachtet wird, diese sie sogar unaufhörlich mit ihren Handys filmen und fotografieren aber anscheinend auf ihre Bitten und Hilfegesuche nicht gewillt sind zu reagieren.

Kurz darauf erscheint ein Auto, ein maskierter Mann steigt aus und beginnt Victoria mit einem Gewehr zu jagen. Die Passanten, die alles auf ihren Handys festhalten sind immer dabei und zeigen sich als völlig reaktionslose Voyeure. Auf ihrer Flucht kommt sie an einer Tankstelle vorbei, wo sie auf Jem und Damien trifft. Jem und Victoria gelingt es, zu entkommen, Damien jedoch fällt dem maskierten Jäger zum Opfer.

Jem erklärt Victoria, dass ein Großteil der Bevölkerung – seit dem auf allen Bildschirmen das Symbol ausgesendet wird – zu seelenlosen Zuschauern mutiert ist und es nur noch wenige Andere gibt, die ihre Zeit nutzen, um anarchische Jagdspiele zu zelebrieren. Jems Plan ist es zu dem Sender zu fahren und ihn zu zerstören.

Vorher werden sie aber von Baxter aufgegriffen, der sich schnell als psychopathischer Folterer herausstellt, der den allgegenwärtigen Mob mit den Smartphones eine Show bieten will und den Versuch unternimmt, Victoria an einen Baum gefesselt mit einem Akkubohrer zu bearbeiten. Bevor es soweit kommt, kann Jem ihn erschießen.

Die beiden Frauen fahren zu dem Sender und beginnen die Anlage zu sabotieren, dabei werden sie von zwei Jägern überrascht und als Victoria einen der beiden erschießen will kommt nur Konfetti aus dem Gewehr. In dem Moment öffnet sich die Wand hinter ihr und Victoria sieht sich mit einem Studio voller johlender Zuschauer konfrontiert. Bevor sie weiß, wie ihr geschieht wird sie auf einem Stuhl fixiert und der Mann, der sich zuvor als Baxter ausgegeben hat, verrät ihr wer sie ist:

Victoria hat sich mit ihrem Verlobten der Kindesentführung (das Kind von dem Bild) und der Beihilfe zum Mord an ebenjenem Mädchen schuldig gemacht. Da sie einen Großteil der Entführung sowie die Beseitigung der Leiche mit ihrer Handykamera festgehalten hat, ist ihre Strafe (für nicht genau benannte Zeit) an den Pranger gestellt und ebenso wie ihr Opfer vorgeführt zu werden. Sie wird nach dieser Offenbarung auf einer Gut einsehbaren und ausgeleuchteten Ladefläche eines Transporters durch die Menge gefahren, zurück zu dem Haus, wo ihr Tag begann.

Dort wird sie wieder in das Zimmer gesetzt und Baxter setzt Victoria eine Vorrichtung auf den Kopf, die offenbar mittels Stromstößen die Erinnerungen des Tages auslöscht und sie für den nächsten Tag soz. auf Reset setzt. Während ihre Schmerzensschreie durch das Haus schallen setzen Baxter und sein Team die Wohnung akribisch in den Ausgangszustand zurück.

Im Nachgang sieht man in einzelnen Szenen, wie dieses Spektakel jeden Tag aufs Neue inszeniert wird und die freiwilligen Komparsen instruiert und eingebunden werden.

Fazit

In dieser Folge wurden ein Themenkomplex angesprochen und eine dystopische Vision daraus kreiert: Gewalt gegen Kinder bzw. Kindesentführungen, welches von den Medien als Reizthema immer gerne aufgenommen wird. Bei kaum einem anderen Sachverhalt ist die öffentliche Meinung verständlicherweise dermaßen eindeutig, dass solche Verbrechen schwer bestraft werden müssen. Bei kaum einem anderen Sachverhalt wird aber auch das mangelnde Rechtsverständnis der modernen Justiz so deutlich. Durchschnittliche Bürger, die ansonsten eher moderate Meinungen vertreten, schrecken bei solchen Themen nicht davor zurück die Todesstrafe zu forden oder zumindest, im Falle sexuellem Missbrauchs, die Kastration des Straftäters. In diesen Momenten bemerkt man, wie dünn die Decke der Zivilisation wirklich ist und welche Verhältnisse herrschen könnten, wenn es nicht eine funktionierende rechtsstaatliche Justiz gäbe. Eben diese Vorstellung nutzt die Folge, um zu zeigen, wie eine solche Pranger- und Rachejustiz mit modernen Mitteln aussehen könnte, in der dem Verurteilten jegliches Recht und seine Würde abgesprochen wird.

Die weitere Aussage dieser Folge streift das Thema des Voyeurismus der Gesellschaft, der durch die Allgegenwärtigkeit der technischen Gerätschaften extrem zugenommen hat. Es gehört zu Victorias Bestrafung öffentlich gedemütigt zu werden und es hat schon seinen Horror den Mob der Gaffer zu sehen, die ihre Not und Angst emotionslos mit ihren Smartphones aufzeichnen, wie sie es, entsprechend der Anschuldigung, getan haben soll. Möglicherweise soll die Aussage sein, dass durch das Filmen der Mensch sich von der Situation, die er filmt, distanziert und sich so einer moralischen Verpflichtung entledigt, jedoch finde ich diesen Aspekt der Story nicht ausgearbeitet genug.

Auf der Plausibiltätsskala von 1 (komplett abgedreht) bis 5 (realistisch) bekommt sie eine 4.

Ich habe mir die Folge zweimal angesehen, obwohl es mir aufgrund ihrer Härte schwerfiel. Die Atmosphäre ist extrem düster und angespannt und man fiebert mit der Protagonistin Victoria, welche von Lenora Crichlow sehr glaubwürdig gespielt wird, die ganze Zeit mit. Im Gegensatz zu den Darstellern der letzten Folge hatte sie natürlich nicht die Möglichkeit der Entwicklung eines tiefergehenden Charakters, da ihre Rolle eher die eines gehetzten Rehs entsprach.

Auch war es schön Michael Smiley mal wieder zu sehen, wenn auch in einer extrem unsympathischen Rolle als Baxter. Bisher kannte ich ihn nur als den verpeilten, ravenden Fahrradkurier in Spaced.

 

 

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